Mit etwa zwölf Jahren bekam ich ein Mikroskop geschenkt, und ich erinnere mich noch genau an die freudige Erregung beim ersten Durchschauen, dieses fiebrige Gefühl, etwas zu betrachten, das zwar jederzeit da ist, das ich in diesem Augenblick aber allein zu sehen vermochte. Da saß ich nun in meinem Zimmer und blickte auf die Pantoffeltierchen, die ich mit der beiliegenden Pipette zwischen die Glasträger befördert hatte, Wesen, die sich mit Wimpern fortbewegten und aussahen wie aus tausendundeinem Science-Fiction. Christoph, der Forscher, nein, besser: der Entdecker.

Prof. Manfred P. Kage, scheint es mit Mitte 70 ähnlich zu ergehen. Wie sonst ließe sich die bodenlose Experimentierfreude erklären, mit der sich der wohl dienstälteste Mikrofotograf der Republik noch heute in die Welt des Mikrokosmos stürzt. Jetzt erhält er den Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) – eine gute Wahl, wie ich finde.
Als „Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Kunst ist es ihm im Besonderen zu verdanken, dass die wissenschaftliche Photographie auch im künstlerischen Umfeld wahrgenommen wird“, begründet die DGPh, die den Kulturpreises am 2. Juni 2012 im Deutschen Museum in München überreichen wird, ihre Entscheidung.

Borkenkäfer, Rasterelektronenmikroskopie-14x, Kage Mikrofotografie
Tatsächlich verkehrte der gelernte Chemie-Ingenieur bereits in den 50er Jahren in Künstlerkreisen und hatte schon früh ein Ziel vor Augen, wie er sagt: „den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn mit der Ästhetik zu versöhnen“. Gemeinsam mit dem Science-Fiction-Autor und Computerkünstler Herbert W. Franke prägte Kage den Begriff der „Science-Art“ – eine treffende Beschreibung für seine Gratwanderung zwischen Wissenschaft und Kunst.

Vitamin C, Lichtmikroskopie, polarisiertes Licht-60x, Kage Mikrofotografie
Und so sehen seine Bilder auch aus. Vitaminkristalle gehören dazu, die mit ihrer psychedelischen Einfärbung wirken wie Flower-Power-Schmetterlinge, kampfsternartige Strahlentierchenskelette, neongrün leuchtende Süßwasseralgen, die wirken wie retrofuturistische Kugel-Lampen in einem angesagtem Electro-Club.

Volvoxalgen Lichtmikroskopie Dunkelfeld-30x, Kage Mikrofotografie

Radiolarie Rasterelektronenmikroskopie-350x, Kage Mikrofotografie
Und natürlich Kages wohl berühmtestes Bild: Die Ameise, die ein Mikrozahnrad an ihrem Fühler trägt.

Ameise mit Mikrozahnrad, Rasterelektronenmikroskopie-30x, Kage Mikrofotografie
Vor Kage sind unter anderem, Stephen Shore, Wolfgang Tillmans, Ed Ruscha, Prof. F.C. Gundlach, Bernd und Hilla Becher, Henri Cartier-Bresson und Man Ray mit dem renommierten DGPH-Preis ausgezeichnet worden. Der Mikrofotografie-Pionier befindet sich also in bester Gesellschaft.
Ich auch. Zwar habe ich meine Ambitionen in Sachen Mikrofotografie frühzeitig an den Nagel gehängt. (Was nicht nur daran lag, dass ich anders als Kage weder ein 63 Zimmer großes Schloss noch Rasterelektronenmikroskope zur Verfügung hatte, sondern vor allem an meiner fehlenden fotokünstlerischen und wissenschaftlichen Begabung). Dafür gehöre ich als Mitgeschäftsführer von Fotofoto.de zu denjenigen, die die Reproduktion von Bildern ganz gut im Griff hat. Und schnell. Jeder tut eben das, was er kann…